Predigt: Durststrecken durchhalten

Wenn die Erde verdorrt: Gemeinsame Solidarität statt einsame Verzweiflung.

18. Januar 2026 | Thomas Zeitler | #Kollaps #neu

Predigt von Thomas Zeitler zum 2. Sonntag nach Epiphanias – 18. Januar 2026 in der Neustädter Kirche in Erlangen


Liebe Gemeinde,

eigentlich haben wir uns fast schon daran gewöhnt: an diese Meldungen in den Nachrichten, irgendwann im Januar, die zurückschauen auf die Wetter- und Klimabilanz des vergangenen Jahres. Und die uns nicht Gutes vermelden. Mal wieder. Auch diesmal. Das drittwärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen haben wir hinter uns – global betrachtet. Und nur knapp unter der vielbeschworenen 1,5 Grad-Marke, die sich die Weltgemeinschaft eigentlich mal als Ziel gesetzt hatte, nicht zu reißen.

Die Forscher rechnen inzwischen damit, dass diese Grenze noch in diesem Jahrzehnt auf Dauer überschritten sein wird. Mit all den Folgen an Wetterphänomenen, von denen wir wissen, die wir in den Nachrichten sehen und die wir punktuell auch schon hier bei uns erleben.

In dieses Wissen, begleitet von unterschwelligen Gefühlen von Angst und Verdrängung, spricht uns heute ein Profetentext von der ‚großen Dürre’. Ja, es gab sie schon immer. Solche bedrohlichen Ausnahmesituationen. Auch zur Zeit Jeremias. Schicksalhaft. Noch nicht menschengemacht. Aber auch schon damals eine echte Herausforderung für den Glauben an Gott.

Hören wir, was Jeremia erlebt und wie er damit in seiner Gottesbeziehung umgeht:

Jeremias Klage über die große Dürre

Dies ist das Wort, das der Herr zu Jeremia sagte über die große Dürre:

Juda liegt jämmerlich da, seine Städte verschmachten. Sie sinken trauernd zu Boden, und Jerusalems Wehklage steigt empor.

Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter. Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter. Selbst die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst. Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst.

Ach, Herr, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann?

Du bist ja doch unter uns, Herr, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!

Kein Schönredner, kein Vertröster

Jeremia – das wird deutlich in diesem Text – ist weder ein Schönredner noch ein Vertröster. Er beschreibt den Ernst der Lage bei solch einer Dürre: Das Sterben der Tiere, das Ausbleiben der Ernte, die Verzweiflung bei den Menschen.

Ich erinnere mich noch gut an den Hitzesommer 2018 hier bei uns. Wochenlang kein Regen. Und ich stand als Mitglied meiner SoLaWi, einer Solidarischen Landwirtschaft, im August bei brennender Sonne auf dem staubtrockenen Gemüseacker, und sollte Beikraut hacken bei den kümmerlichen, schlappen Kohlrabipflänzchen, die eigentlich später einmal auf meinem Teller landen sollten. Klimawandel live, mit allen Konsequenzen. Und vor allem: mit dem Gefühl der Ohnmacht, diesen Entwicklungen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein.

Was konnte da helfen? Gott? Oder doch besser ein politisches Engagement in der Klimabewegung, um das Ruder doch noch herumzureißen? Damals glaubten wir, dass das noch möglich sein könnte, mit dem 1,5 Grad-Ziel. Die Stadt Erlangen hat es – ehrlicherweise – im letzten Jahr schon zu Grabe getragen.

Wir sind mitten in der Durststrecke gelandet: ungewiss, was da noch kommt. Wie lange und für wen es reichen wird. Und sehen die Mächtigen schon jetzt sich aufstellen, ihren Durst nach Rohstoffen und Öl als erste Priorität zu setzen.

Der Begriff ‚Durststrecke’ – so habe ich gelesen, kommt übrigens aus der deutschen Kolonialgeschichte in Namibia, wo man die Waren aus dem Landesinneren mit Ochsenkarren an die Küstenhäfen brachte. Und dort wo die Wasserstellen für die Ochsen sehr weit auseinanderlagen: das waren die Durststrecken.

Welche Wasserquellen haben wir, um unsere Durststrecken durchzuhalten? Die realen, die seelischen – und die geistlichen?

Die geistliche Dürre

Jeremia bleibt in dieser Not nur die Klage und der Hilferuf! Wo bist Du Gott, Du Nothelfer? Er deutet die Dürre als eine Strafe Gottes für das Versagen, für die Sünden des Volkes. Und appelliert an Gottes Gnade. Auf sie war doch immer Verlass! Selbst als das Volk in der Wüste umherwanderte und Durst litt, gab es einen Mose, der mit seinem Stab an einen Fels schlug, und es entsprang eine Wasserquelle. Aber jetzt: nichts dergleichen.

Jeremia glaubt zwar, dass Gott weiter da ist, aber als einer, der so tut, als ob ihn alles nicht wirklich anginge. Ein Fremder, ein Wanderer ohne innere Beziehung, der keine Verpflichtung sieht, einzugreifen. Oder doch ein machtloser Held, der nicht helfen KANN?

Diese Verunsicherung, diese geistliche Dürre, ist für ihn vielleicht noch schlimmer als der konkrete Wassermangel. Weil der Horizont der Hoffnung sich zu schließen droht, wenn auch diese Quelle versiegt! Und so mündet er in den verzweifelten Ruf: Herr, verlass uns nicht! Wir sind doch die Deinen! Und Dein Name ist über uns gesprochen!

Und vielleicht hat er auch den Vers aus Psalm 87 im Hinterkopf, wo es heißt: Alle meine Quellen sind in Dir! Auf dem Berg Zion, wo Du wohnst. Und wo alle Menschen als Gottes Kinder angenommen werden. Wie kann dieser Gott Hilfe versagen? Und uns in der Bedrohung unserem Schicksal überlassen? Kann er nicht ein Wunder geschehen lassen und es regnen lassen?

Das Zeichen von Kana: Jesus wird zur Quelle

Von einem Wunder, oder besser: einem Zeichen haben wir vorhin in der Lesung gehört. Das erste Zeichen, das Jesus im Johannesevangelium öffentlich (und auch ein wenig widerwillig) setzt. Da sitzen auch Menschen auf dem Trockenen. Allerdings nicht, was das Wasser an sich angeht. Davon ist genug da. Der Wein geht aus bei der Hochzeit in Kana. Der Stoff, der ein Fest erst zum Fest werden lässt: mit Freude und Rausch und Verbundenheit.

Es ist faszinierend zu vergleichen, wie anderes dieser erste Auftritt Jesu bei Johannes aussieht als in den anderen Evangelien. Dort wird der Anbruch der Heilszeit verbunden mit einem Bußruf: Kehret um! Die moralische Mahnung: lasst ab von Euren falschen Wegen! Das klingt eher nach dem Muster bei Jeremia, wo die Ursache für die bedrohliche Lage in der eigenen Schuld gesucht werden. Und wo ja auch beim menschengemachten Klimawandel zurecht die Zeigefinger erhoben werden können: Sowas kommt von sowas! Aber Mahnen allein hilft selten. Wie lange moralisieren wir schon an gegen unseren vernutzenden Lebensstil, der nicht auf das Morgen schaut und auch nicht auf die Anderen – Menschen wie Tiere und Pflanzen!

Der Jesus des Johannes ist da anders: Er wird selbst zur Quelle. Zum Ermöglicher von Begegnung und Solidarität! In Freude, ohne Unterschiede, ohne Konkurrenz an einem Tisch zu sitzen: bei einem Krug Wein, der niemals leer wird. Von diesem Ort geht das Neue aus, das Jesus in die Welt bringt. Ganz im geistlichen Sinne: Wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten! So sagt Jesus von sich selbst Johannesevangelium. Aber eben auch ganz real im Zusammenleben:

Nur wo ein Gemeinschaftsgefühl gestiftet ist, kann die Sorge umeinander und füreinander wachsen und Raum greifen. In Jesus bleibt Gott kein unbeteiligter Fremder. Er lässt sich in unsere Angelegenheiten verwickeln.

Solidarität in der Krise

Ich fand es berührend – und ermutigend, als in Berlin durch den Anschlag auf die Stromleitungen plötzlich lebenswichtige Versorgungsstrukturen wegbrachen, dass es da sofort solidarische Hilfestrukturen gab. Ein Schauen nacheinander und ein sich Kümmern. Zwischen Nachbarn. Aber auch mit den örtlichen Kirchengemeinden als Unterstützungsorten. Da dann vielleicht eher mit dem Teller heißer Suppe auf dem Tisch, das war in dem Moment hilfreicher als ein Glas Wein.

Aber es braucht genau diese Orte, an denen wir es lernen, in der Not MITEINANDER zu handeln. Nicht gegeneinander. Nicht nur zur Selbstsicherung. Wir brauchen das kurzfristig, wie bei einem Stromausfall. Aber auch langfristig wie beim drohenden Klimakollaps.

Gemeinsame Quellen für die Durststrecken

Sind wir Christinnen und Christen bereit, dass wir dann nicht in der Dürre der Verzweiflung landen müssen. Sondern gemeinsame Quellen haben. Materielle und spirituelle. Für uns selbst. Aber auch anderen unsere Quellen zeigen können. Und sie versiegen nicht!

Hoffen wir, dass es so ist: Auf allen Durststrecken, die vor uns liegen. Denn der, aus dem alle Quellen entspringen, hat uns besucht.

Amen.

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